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Interviews (bis 2010)
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Willkommen, heute ist der 22.10.2018 :: English ::
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Interview mit Naresh Sharma

Naresh Sharma ist Kurator beim Indischen Filmfestival in Stuttgart und arbeitet in Indien als Filmemacher. Der gelernte Cinematograph und Photograph dreht Kurzfilme, Commercials und Dokumentarfilme und lehrt an Filmhochschulen in Mumbai und Delhi.

BNA-Germany hatte die Möglichkeit im Rahmen des "Bollywood and Beyond"-Festivals in Stuttgart mit Herrn Sharma über seine Arbeit, Bollywood und die indische Filmindustrie im Allgemeinen zu reden:

 

BNA: Herr Sharma, bitte erzählen Sie uns etwas über Ihre Arbeit.

Naresh Sharma: Ich begann meinen beruflichen Werdegang als Photograph. Dann ging ich zum Film and Television Institut of India nach Pune, wo ich nach drei Jahren meinen Abschluss in Cinematographie machte. Im Anschluss daran ging ich 1994 nach Mumbai und arbeitete dort als Direktor für Photographie. Ich unterrichte auch Medienfächer an Filmhochschulen in Indien, hauptsächlich in Delhi und Mumbai. Wann immer es mir die Zeit erlaubt, schreibe ich Skripte, drehe Filme, bin bei Festivals wie diesem hier in Stuttgart und schaue mir gern Filme an.

 

BNA: Arbeiten Sie auch in Europa oder nur in Mumbai?

Naresh Sharma: Ich arbeite hauptsächlich in Mumbai. Manchmal sind jedoch die Leute so nett, mich einzuladen, hierher zu kommen. Ich war bereits für acht Monate in den USA, arbeitete dort auf den karibischen Inseln und den Bahamas, um Unterwasseraufnahmen zu machen. Ich war auch schon in Ljubljana, Slowenien. Das liegt aber auch schon fünf Jahre zurück.

 

BNA: Wie ist Ihre Meinung zum diesjährigen Indischen Film Festival hier in Stuttgart?

Naresh Sharma: Bezüglich der Filmauswahl und der Programmgestaltung kann ich weder sagen, dass es gut ist, noch dass es schlecht ist. Es ist eine andere Programmgestaltung. Sachen die in Europa laufen, würden möglicherweise so nicht in Indien funktionieren. So sind die Filme, die wir in Indien schauen vielleicht andere, als die, die man in Europa schaut. Dieses Festival bietet einem die Möglichkeit, die gesamte Vielfalt an Filmen zu sehen und dann zu entscheiden, ob ein Film großartig, brillant oder nur ganz gewöhnlich ist, selbst für den indischen Markt. Hier in Deutschland ist der Blick auf einen Film möglicherweise anders als in Indien. Das Festival zeigt, dass nicht nur in Bollywood Filme gemacht werden, sondern in ganz Indien. Und es ist auch wichtig, all diese Vielfalt an indischen Filmen zu zeigen.

 

BNA: Glauben Sie, dass sich die Besucher mehr für Bollywood interessieren oder mehr für den „Beyond Bollywood“-Teil?

Naresh Sharma: Jede Art von Filmen sollten gezeigt werden. In Indien gibt es auch Internationale Filmfestivals auf welchen all diese Filme gezeigt werden: Commercials, Arthouse,  Dokumentarfilme und so weiter. All diese Filme sind dort präsent. Dieses Festival hier würde in Indien niemanden vom Stuhl reißen, aber in Europa schon, weil die Europäer einen Einblick in die gesamte Filmwelt Indien haben wollen. Letztes Jahr gab es hier eine eigene Sektion für die Filme aus der Filmhochschule in Pune (FTII). Das ist eine der wichtigsten Filmhochschulen Indiens und ihre Filme müssen gezeigt werden. Diese Filme entstanden in Studios und werden nicht im Fernsehen oder sonst wo gezeigt. Daher bietet so ein Festival die einzige Möglichkeit auch diese Filme zu zeigen.

 

BNA: Bevorzugen Sie persönlich eher den Bollywood-Part oder den Beyond Part?

Naresh Sharma: Ich mag Filme, die in Bollywood entstanden sind, welche, die einen Star haben und stark erzählend sind. Doch was in Bollywood passiert ist folgendes: Sie nehmen Hollywood Filme und kopieren sie. Es ist alter Wein in einer neuen Flasche, eine recycelte Idee mit anderen Schauspielern und anderen Drehorten.

 

BNA: Das finden Sie schlecht?

Naresh Sharma: Ja, das ist es auch, warum wir es „Bollywood“ nennen. Diese Wortkreation entstand in Indien, ist aber keine offizielle Bezeichnung. Mittlerweile haben jedoch einige Leute erkannt, dass Indien auch eine großartige Literatur hat. Einige Filme basieren auf Romanvorlagen oder Shortstories. Dazu nimmt man einige Bollywood Stars und hat dann einen NoMasala Film. Ich benutze dafür gern die Bezeichnungen „Formula“ und „NoFormula“. Formula heißt, dass bestimmte Sachen im Film vorkommen bzw. vorhanden sein müssen.

Filme, die auf Romanvorlagen basieren, kommen oftmals auf dem internationalen Markt gut an. Jedoch müssen die Filme erst einmal im eigenen Land gut laufen. In Indien spielt dabei der Wert eines Gesichts eine besondere Rolle. Das indische Publikum schaut, ob eine Madhuri Dixit oder ein Shahrukh Khan im Film mitspielen. Wenn der Film keinen Star aufweist, läuft er im indischen Kino schlecht.

 

BNA: Das ist doch aber das Traurige. Man hat meist die gleichen zwei, drei Familien, die im Bollywood Kino als Schauspieler oder Produzenten präsent sind…

Naresh Sharma: Nicht wirklich. Die Produzenten haben realisiert, dass sie nur Geld machen, wenn sie andere Leute hart für sich arbeiten lassen. Directing ist viel wichtiger als Producing. Yash Chopra selbst ist kein Director, sondern Produzent und Vertriebler. Sein Sohn Aditya begann jetzt sowohl Regie zu führen, als auch Produzent zu sein. Dadurch macht die Firma YashRaj Films beides: Directing und Producing.

 

BNA: Aber wenn man die aktuellen Interviews von Yash Chopra liest, erklärt er, dass er nicht nur eine Geldmaschine sein will.

Naresh Sharma: Das ist Unsinn. Alles, was sie tun, tun sie für Geld. Nehmen Sie beispielsweise Karan Johar: er nimmt einige Szenen aus diesem Film, einige Szenen aus jenem Film und packt sie zusammen in einen „neuen“ Film. Dabei haben sie immer das gleiche Prinzip. Und es funktioniert. Yash Chopra Filme haben da unterschiedlichere Formeln.

 

BNA: Aber Yash Chopra sagt selbst, dass er nur Lovestories machen will.

Naresh Sharma: Es gibt aber verschiedene Arten von Lovestories. Verschiedene Leute machen schon seit Jahren Lovestories. Diese Lovestories sind ein Klischee und die Inder sind so brillante Leute, dass sie diese Lovestories nie satt haben.

 

BNA: In Deutschland ist Bollywood noch ein Nischenprodukt. Wir müssen uns die Filme im Original mit meist englischen Untertiteln anschauen. Das sind Deutsche nicht gewohnt. Mittlerweile lehnen wir auch die Bezeichnung „Bollywood“ ab, und verwenden lieber die Bezeichnung „Hindi-Filme“, weil mit „Bollywood“ meist nur die Masala-Filme gemeint sind.

Naresh Sharma: Darum heißt dieses Festival auch „Bollywood and Beyond“. Bollywood mag populärer sein, aber die Leute glauben, dass die gesamte Hindi-Film-Industrie grundsätzlich Bollywood ist. Man brauchte 10 Jahre um beispielsweise einen Film wie „Black“ zu machen. Es ist zwar ein Bollywood Film, hat aber Potenzial zum Crossover. Oder „Parineeta“: Dieser Film ist auch sehr bollywoodisch, aber in einem Beyond-Style.

 

BNA: Wenn Sie so offen sprechen: Was denken Sie über den neuen „Devdas“?

Naresh Sharma: Es gibt dort eine Form, die ich minimalistisch nenne, aber auch viele verschwenderische Elemente. Der Film ist verschwenderisch großartig, eine kommerzialisierte Version eines interessanten Romans. In der neuen Version benutze man all diesen Bollywood-Nonsens in einem klassischen Stil.

 

BNA: Und was denken Sie über „Rang De Basanti“? In Deutschland ist dies ein vieldiskutierter Film. Welche Message steckt in diesem Film, was will er dem Zuschauer sagen?

Naresh Sharma: In jeder Gesellschaft gibt es Probleme, auch wenn sie nicht sichtbar sind. Die indische Jugend hat auch ein Problem, sei es aufgrund der Bildung oder was auch immer. Junge Inder können sich mit den Charakteren des Hauptdarstellers und seiner Freunde identifizieren. Der Hauptakteur ist ein Rebell, auf seine eigene Art und Weise. Der Film versucht zu zeigen, wie die heutige Jugend mit den momentanen Problemen umgehen kann. Das Problem in Indien ist, dass die Leute nicht nachdenken. Ich weiß nicht, wie es in Europa ist, aber in Indien denken die Menschen einfach nicht. Sie sind zu sehr mit ihrem Alltagsleben beschäftigt, dass sie weder über die Politik kritisch nachdenken, noch gegen irgendetwas protestieren.

 

BNA: Liegt das vielleicht daran, dass sie aufgrund ihrer Religion ihr Schicksal einfach so hinnehmen?

Naresh Sharma: Das Problem ist, dass sie einfach gegen überhaupt nichts protestieren. Wenn beispielsweise die Regierung für bestimmte Sachen die Preise erhöhen will, interessiert es niemanden. Erst, wenn sie die höheren Preise dann tatsächlich zahlen sollen, fragen sie sich: „Wann gab es denn diese Preiserhöhung?“

 

BNA: Die Filme, die Sie machen; wo werden sie gezeigt?

Naresh Sharma: Diese Filme kann man eigentlich nicht öffentlich im Fernsehen oder so sehen. Sie werden beispielsweise in den Klassen, die ich unterrichte gezeigt.

 

BNA: Sind diese Filme dann auch Nischenprodukte?

Naresh Sharma: Nun, es ist schwierig, sie zu drehen und ebenso schwierig, sie zu zeigen. Sie sind ein schwieriges Genre. Die Finanzierung ist ebenso schwierig, wie später die Vorführung. Also am besten ist es keine Kurzfilme zu machen. Aber die Leute machen sie und werden sie auch weiterhin machen.

 

BNA: Ich glaube, diese Probleme gibt es auch in Deutschland. Glauben Sie, dass Ihre Filme hier in Deutschland Aufmerksamkeit erlangen werden?

Naresh Sharma: Ja, ich hoffe. Selbst wenn sich nur 20 Leute meine Filme anschauen, ist es besser, als niemand. Selbst der kleinste Anstieg ist gut. Aber man braucht die Unterstützung der Regierung. Die Regierung hat so hohe Einnahmen aus dem Filmgeschäft, unterstützen es aber nicht; jedenfalls nicht in Indien. In anderen Ländern weltweit sieht man, dass die Regierung die Filmemacher unterstützt, sei es in Polen oder sonst irgendwo in der Welt, nur nicht in Indien.

 

BNA: Aber wo liegt dann der Anreiz für Sie, Ihre Arbeit fortzuführen, wenn Sie keinerlei Unterstützung erhalten?

Naresh Sharma: Ich träume davon, einmal in Frankreich zu drehen. Nächstes Jahr werde ich vielleicht in Polen drehen und in Slowenien.

 

BNA: Macht es Sie nicht traurig zu wissen, dass Sie in anderen Ländern Unterstützung erhalten, nur nicht in ihrem eigenen Land?

Naresh Sharma: Ja, aber so ist es nun einmal und ich gehöre zu diesem Land.

 

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