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Willkommen, heute ist der 16.08.2018 :: English ::
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Interview mit Atul Kulkarni

Am 26.Juni 2010 traf BNA-Germany den indischen Schauspieler Atul Kulkarni während des Filmfestes München. Sein neuster Film "Natarang" hatte während des Filmfestes seine Deutschland-Premiere im Münchner Kino "Rio Palast". Mit Atul Kulkarni sprachen wir über "Natarang" und die Vorurteile, die teilweise noch immer in der indischen Gesellschaft vorherrschen.

 

BNA-Germany: Willkommen in Deutschland. Es ist das erste Mal für Dich, dass Du in Deutschland bist und Du bist hier nach München für die Deutschland-Premiere von "Natarang" gekommen. Hat der Filmtitel eine Bedeutung?

Atul: Ja, es ist Marathi. Es gibt einen Gott für Tanz und Theater. Dieser Gott heisst bei uns Nataraj oder auch Natarang. In Büchern zum indischen Tanz und Drama werden neun Emotionen beschrieben, die alle in Natarang vereint sind und in den Tänzen kombiniert werden.

 

BNA-Germany: Was hat der Filmtitel mit dem Inhalt des Films zu tun?

Atul: In dem Film geht es um eine volkstümliche Form des Theaters in Maharashtra. Diese besondere Form heisst "Tamasha". Diese Theaterform beinhaltet auch Lieder und Tänze und in dem Film geht es um einen Künstler, der die Rolle des Königs in solch einem Tamasha spielen möchte, jedoch unglücklicherweise letztendlich die Rolle des Nachya übernehmen muss. Dies ist eine sehr weibliche Rolle und das genaue Gegenteil eines Königs. Eigentlich diese Rolle beinhaltet beide Seiten - die männliche und die weibliche Rolle. Der Gott Nataraj vereint auch beide Seiten in sich und ist halb Mann und halb Frau.

 

BNA-Germany: Und diese Rolle verkörperst Du im Film?

Atul: Ja, ich spiele die Rolle des Guna, ein einfacher Feldarbeiter, der sein eigenes Tamasha-Theather haben will. Und der Film handelt von dessen Reise.

 

BNA-Germany: Und wie kommt es dazu, dass im Film Guna diese weibliche Rolle spielen muss?

Atul: Er steht vor einer Menge von Problemen. Das grösste Problem, das er hat, ist es ein passendes Mädchen zu finden, die in seiner Theater-Gruppe mitspielt. Dies ist jedoch schwierig, da das Image des Tamasha Theaters in der höheren Gesellschaft nicht gut ist. Es hat ein schlechtes Image.

 

BNA-Germany: Und wieso?

Atul: Weil es nicht gut angesehen ist, vor Publikum zu tanzen und zu schauspielern. Aber  das Tamasha Theater erfordert nunmal eine Frau. Niemand möchte jedoch diese Rolle spielen. Letztendlich findet jedoch Guna ein Mädchen, das bereit ist, in seiner Theather-Gruppe mitzumachen, jedoch nur unter der Bedingung, dass es auch einen Nachya - diese sehr feminine Rolle gibt. Ein Nachya wird jedoch von der Gesellschaft überhaupt nicht akzeptiert und es findet sich niemand, diese Rolle zu spielen. Daher übernimmt Guna, dessen grösster Wunsche diese Theater-Gruppe ist, die Rolle des Nachya.

 

BNA-Germany: Wenn aber doch das Image so schlecht ist, wieso erklärt sich Guna bereits dazu, diese Rolle zu spielen?

Atul: Es geht ihm grundsätzlich um die Kunst als solche und wie bei jeder Leidenschaft, die jemand hegt, kümmert sich der Künstler nicht darum, was die Gesellschaft darüber denkt. Wenn du Teil dieser Kunst sein willst, ist es dir egal. Und genau so denkt auch Guna. Ihm ist es egal, was die Gesellschaft denkt.

 

BNA-Germany: Gibt es Parallelen zwischen dem Charakter "Guna" und Dir selbst? Du hast auch Theater und Drama studiert.

Atul: Ja schon, aber es hat sich schon etwas geändert. Der Film spielt in den 70er Jahren in einem kleinen Dorf im Maharashtra. Bis heute haben sich viele Dinge geändert. Aber noch immer wird auch die besondere Form des Tamasha-Theaters herabgeschaut.

 

BNA-Germany: Wie kamst Du zu der Rolle im Film?

Atul: Ich arbeite schon seit mehr als zehn Jahren als Schauspieler.

 

BNA-Germany: Ja natürlich. Hier machten Dich vor allem Filme wie "Rang De Basanti" mit Aamir Khan und "Page 3" mit Konkana Sen Sharma bekannt. Und es scheint, dass Du auf besondere Charakterrollen fokussiert bist.

Atul: Eigentlich möchte ich gern jede Art von Charakter spielen. Ich möchte nicht in eine spezielle Schublade gesteckt werden. Ich spielte bisher sehr unterschiedliche Rollen in meinen Filmen. Ich schaue nach einer guten Geschichte und einer guten Rolle und nicht nach der Art des Films. Aber du musst jahrelang hart arbeiten, um dem Regisseur die Gewissheit zu vermitteln, dass du auch etwas Neues probieren kannst. Beispielsweise war ich bisher in meinen Filmen ein sehr starker und dominanter Charakter. Ich würde aber auch gern in Komödien mitspielen. Und ich hoffe, dass das eines Tages passieren wird.

 

BNA-Germany: Gut. Wie kamst Du nun an die Rolle des "Guna"?

Atul: Eines Tages kamen der Produzent und der Regisseur in mein Büro und erzählten mir die Geschichte des Films. Ich liebte die Story, weil sie wundervoll und dramatisch ist. Nach Aussen hin ist es die Geschichte eines Künstlers, aber tief im Innern geht es um Geschlechter-Politik. Es geht um gesellschaftliche stereotypische Definitionen von Mann und Frau - darum, wie ein Mann zu sein hat und wie eine Frau zu sein hat. Wenn sich ein Mann auch nur etwas zu feminin gibt oder eine Frau zu burschikos auftritt, wird es von der Gesellschaft nicht akzeptiert.

 

BNA-Germany: Ist es in Indien immer noch so?

Atul: Ja ist es. Die Menschen fühlen sich nicht sehr wohl mit Personen, die sich entgegen dieser stereotypischen Definition von Mann und Frau verhalten. Natürlich hat sich diese Einstellung in grösseren Städten mit gebildeten Menschen geändert, aber in den kleinen Städten und Dörfern ist es noch immer so. "Natarang" handelt also auch von Geschlechter-Politik, weil Guna ein Mann ist, der, um seinen Traum zu verwirklichen in einer weiblichen Rolle auf der Bühne auftritt. Aber er ist ein Mann. Der Film zeigt, wie die Gesellschaft und seine Familie ihn behandelt. Ich mag die Geschichte und die Rolle, weil ich beiden Extremen genügen musste, und das sowohl körperlich, als auch mental. Für einen Schauspieler ist das eine grosse Herausforderung. Für mich gab es daher keinen Grund, "Nein" zum Film zu sagen.

 

BNA-Germany: Wie waren die Reaktionen Deiner Familie und Freunde, als sie erfahren haben, dass Du diese Rolle annimmst?

Atul (lacht): Meine Frau meinte, ich sei ein sehr harter Kerl - kein sehr sanfter Mensch. Sie war sehr besorgt darüber, wie ich den zweiten Teil des Films, die Bühnen-Szenen schaffen würde. Aber meine Freunde und Famile waren sehr glücklich, nachdem sie den Film sahen. Meine Familie reagierte sehr positiv und war gespannt, wie das Publikum meine Rolle aufnehmen würde, weil sie mich bisher nur in sehr dominaten Rollen kannten. Wie würde das Publikum auf diese weibliche Rolle reagieren? Die Geschichte im Film wurde jedoch in solch einer Art und Weise erzählt, dass das Publikum den Transformationsprozess mit ihren eigenen Augen miterleben konnten. Die Story ist derart erzählt, dass das Publikum davon gefesselt ist und von meiner Rolle begeistert.

 

BNA-Germany: Wie hast Du dich auf deine Rolle vorbereitet? Verbrachtest Du mehr Zeit mit Frauen, um zu lernen, wie eine Frau zu handeln und Dich weiblich zu verhalten?

Atul (lacht): Ich tat viele Sachen. Die grösste Herausforderung war körperlicher Natur. Ich nahm zunächst 15 Kilo zu, für den ersten Teil des Film. Dann hatten wir eine zweimonatige Drehpause in welcher ich dann 16 bis 17 Kilo zunehmen musste.

 

BNA-Germany: Ganz gesund ist das aber nicht, oder?

Atul: Es geschah ziemlich wissenschaftlich und ich hatte auch einen Trainer, der sich sehr um mich kümmerte. Und ich habe auch keine Nebenwirkungen dadurch gehabt. Als ZWeites musste ich zudem auch lernen zu tanzen. Nicht Tanz im eingentlichen Sinne, aber all diese Gestiken und Posen, die Bewegung der Hände und es Halses, und ich habe wirklich hart geübt. Als Drittes musste ich mich in das Innere des Charakters hineinversetzen. Guna macht etwas, was er eigentlich nicht machen will. Auf der anderen Seite ist sein Wunsch, Schauspieler zu sein so stark, dass er dies Übel akzeptiert. Was geht in ihm dabei vor? Einerseits is Guna ein sehr erfolgreicher Schauspieler auf der Bühne, aber innerlich ist er unglücklich, weil ihn seine Freunde, seine Familie und die Gesellschaft schlecht behandeln. Er macht etwas anderes, obwohl er einen König spielen wollte. All diese Überlegungen waren Teil meiner Vorbereitungen auf den zweiten Teil des Films.

 

BNA-Germany: Wie waren die Reaktionen auf den Film in Indien, vergliechen mit den Reaktionen des Publikums in Toronto oder hier in München? Gibt es Unterschiede?

Atul: Hier in München ist es die erste Vorstellung ausserhalb Indiens, an welcher ich persönlich anwesend bin. Es ist ein Marathi Film in der Regionalsprache von Maharashtra. Aber selbst von Menschen, die nicht Marathi sprechen, war das Feedback so positiv. Der Film hatte am ersten Januar 2010 in Indien Premiere und läuft heute, nach über sechs Monaten immer noch in den Kinos in Maharashtra.

 

BNA-Germany: Bereits drei Wochen nach der Premiere kam der Film auch mit englischen Untertiteln in die Kinos.

Atul: Ja, weil die Reaktionen auf den Film so enorm positiv waren, ausserhalb der Marathi-Gemeinde, dass die Nachfrage dazu führte, dass wir auch englische Untertitel aufnahmen.

 

BNA-Germany: Für Deinen Film weiterhin alles Gute und viel Erfolg. Danke für das Interview.

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